FINANZIERUNG - Die internationale Finanzkrise hinterlässt ihre Spuren:
Wohlfahrt intern - Artikel vom 01.09.2008Banken geizen mit Krediten, die Konditionen werden schlechter. Kein Grund zur Panik: Für finanzkräftige Sozialunternehmen steckt in der Krise eine Chance – die Banken reißen sich
„Happy Birthday, Finanzkrise“ titelte der Stern am 29. Juli munter drauflos. Ein Jahr zuvor hatte die US-Finanzkrise Deutschland erreicht: Gewagte Immobilienspekulationen in den USA hatten bei der Deutschen Industriebank (IKB) ein Milliardenloch in die Kasse gerissen, milliardenschwere Finanzspritzen mussten die Bank vor der Pleite bewahren.
Das IKB-Desaster war nur der Auftakt zu einem beispiellosen Geldvernichtungsstrudel in der deutschen Bankengeschichte. Rund 34 Milliarden Euro haben deutsche Kreditinstitute in riskante Geldgeschäfte investiert, einen großen Teil davon werden sie wahrscheinlich abschreiben müssen. Auch wenn das Epizentrum des Kapitalmarktbebens etwas zurückliegt – die Auswirkungen für Wirtschaft und Unternehmen werden noch langfristig zu spüren sein. So geht die Deutsche Bank davon aus, dass das Kreditangebot im Euroraum bis 2010 um zwölf Prozent schrumpfen wird. Betroffen werden private Haushalte und Unternehmen gleichermaßen sein, so die ernüchternde Einschätzung. Die ersten Entwicklungen stützten die Prognose. Bereits im Juni war laut Europäischer Zentralbank die Kreditvergabe in allen Kategorien rückläufig. Die Banken sind seit der Krise knauserig mit Krediten geworden und werden es mit jeder Abschreibung weiter bleiben müssen. Denn Verluste drücken das Eigenkapital. Und je weniger Eigenkapital die Banken besitzen, desto weniger Geld dürfen sie auch verleihen. „Für die Banken wird der Spielraum für Kredite dadurch belastet“, bestätigt Dietmar Krüger, Finanzvorstand der Bank für Sozialwirtschaft.
Die Kreditinstitute werden künftig noch genauer hinschauen, wem sie Geld leihen. Doch so paradox es klingt: Für die Sozialwirtschaft entstehen daraus neue Chancen. Auf der Suche nach solventen Kunden rückt der Wirtschaftszeig ins Blickfeld der Geldverleiher. Nur rund 1,38 Prozent der Unternehmen in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft mussten dem statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden. Damit ist die Branche für die Banken selbst eine Bank.
Das haben inzwischen viele Institute erkannt. „Der Konkurrenzkampf um diese Kunden wird größer“, sagt Alfred Zinke, Abteilungsleiter für die Kundenbetreuung Kirchlicher Einrichtungen bei der Bank im Bistum Essen. „Die Nische entdecken viele in Krisenzeiten neu.“ So steigen vor allem Sparkassen und Volksbanken zunehmend bei der Finanzierung von Pflegeimmobilien ein - und machen häufig gegen die Konkurrenz der Geschäftsbanken den Stich. So bei der Evangelischen Heimstiftung (EHS) in Stuttgart, einem der größten Altenheimbetreiber in Deutschland. „Volksbanken und Sparkassen bieten teilweise unschlagbare Konditionen“, freut sich Hauptgeschäftsführer Wolfgang Wanning und greift gern zu, wenn die EHS ein neues Haus aus dem Boden stampft.
Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die Sparkassen den Wettbewerb auch künftig kräftig schüren werden. „Die Sparkassen leben traditionell vom Mittelstandsgeschäft“, erläutert Peter Westerheide, Spezialist für Finanzmärkte und Finanzmanagement beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsförderung (ZEW) in Mannheim. Deshalb werden die Sparkassen ihr Engagement auch nicht zurückfahren. Westerheide: „Damit würden sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Das wäre Selbstmord auf Raten.“
Besonders hoch im Kurs stehen bei den Kreditinstituten Träger mit einem guten Finanzpolster, die bereits bewiesen haben, etwas vom angestrebten Geschäftzu verstehen. Wer sich einen Namen gemacht hat, kann den Partner wählen und erhält optimale Bedingungen.“Banken und Sparkassen stehen in so starkem Wettbewerb, dass sie sich schlechte Konditionen nicht leisten können“, urteilt Heike Joebges, Analystin beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Das erlebt auch BfS-Vorstand Krüger so: „Die Margen sind nach wie vor unter Druck. Der Wettbewerb funktioniert.“
Trotzdem sehen die Banken heute genauer in die Bilanz ihrer Kunden, reichten den Geldverleihern vor einem Jahr noch 15 bis 20 Prozent Eigenkapital, verlangen sie heute bis zu 30 Prozent, so die Erkenntnis von Investoren aus den vergangenen Monaten. „Die Banken sind viel restriktiver geworden“, sagt Carsten Brinkmann, Geschäftsführer des auf Sozialimmobilien spezialisierten Beratungsunternehmens TERRANUS. „Wohl dem, der heute Eigenkapital hat.“
In den vergangenen Jahren konnte Sozialunternehmen besonders in der Altenhilfe vielfach mit Finanzinvestoren gemeinsame Sache machen. Die Investoren bauten oder kauften, die Träger stiegen als Betreiber zur Miete ein. Das entlastete merklich die Bilanz oder schaffte häufig erst den Spielraum für neue Investitionen. Der AWO Bezirksverband Hessen Süd etwa überschrieb fünf Altenheime der Merkur Sozialimmobilien GmbH unter der Auflage, die Häuser zu sanieren. 60 Millionen Euro ließ der Investor sich das Geschäft im vergangenen Sommer kosten – Sanierung inklusive.
Einen besseren Zeitpunkt hätten die Hessen für den Verkauf nicht abpassen können. Inzwischen sind solche Deals rar geworden. Das Transaktionsvolumen mit Pflegeimmobilien ist TERRANUS-Berater Brinkmann zufolge im ersten Halbjahr auf ein Drittel des Vorjahreswertes von 500 Millionen Euro zurückgegangen. Zwar kaufen immer noch institutionelle Anleger wie Banken und Versicherungen einzelne Häuser. Doch große Portfolios wechseln kaum noch den Besitzer. Bei den Finanzinvestoren, die erst vor wenigen Jahren die Nische Sozialimmobilien entdeckt hatten, ist die Krise voll durchgeschlagen. Der kräftige Luftzug der internationalen Kapitalmärkte hat den überhitzten Markt deutlich abgekühlt. Brinkmann: „Das Investmentgeschäft ist fast am Boden.“ Die Auswirkungen bekommen jetzt vor allem Verkäufer zu spüren. Wer sein Altenheim noch losschlagen will, um etwas neu investieren zu können, muss mit deutlich niedrigeren Preisen rechnen. Noch vor einem Jahr waren Käufer bereit, das bis zu 14,5-fache der Jahrespacht zu zahlen. Jetzt gilt das 13-fache bereits als Spitzenwert. Getrieben sind die sinkenden Preise von höheren Kapitalkosten und einem steigenden Angebot. So kommen verkaufte Häuser aus den letzten Jahren zurück auf den Markt, weil sie sich unter den neuen Rahmenbedingungen nicht durchfinanzieren ließen und die Investoren wieder abziehen. „Die Uhren gehen jetzt anders“, sagt Brinkmann. „Wir haben inzwischen einen Käufer-Markt.“
