Ärzte ziehen unter ein gemeinsames Dach
Die Welt - Artikel vom 29.01.2010
Zahl der medizinischen Zentren und Gemeinschaftspraxen steigt - Immobilienexperten sehen jedoch hohe Risiken
Der Kostendruck im Gesundheitswesen treibt mehr Mediziner unter ein gemeinsames Dach: Deutschlandweit entstehen zunehmend Ärztehäuser und Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Immobilienfondsanbieter halten sich bislang vom neuen Markt allerdings fern. Zu Recht, meinen Experten.
"Es ist keineswegs sicher, dass jedes Ärztehaus und MVZ langfristig überleben wird", sagt Carsten Brinkmann, Aufsichtsratschef der auf Sozialimmobilien spezialisierten Kölner Beratungsgesellschaft Terranus.
Die Gesundheitsreformen lassen Deutschlands Mediziner zunehmend Kosten bewusster agieren. "Immer mehr Mediziner arbeiten gemeinsam in Ärztehäusern und Versorgungszentren, um sich die Kosten für Praxisangestellte, Behandlungs- und Diagnosegeräte zu teilen", sagt Uwe Perlitz, Analyst bei Deutsche Bank Research (DB Research). Allein die Zahl der Gemeinschaftspraxen stieg nach seinen Berechnungen binnen sechs Jahren um 25 Prozent auf schon mehr als 20 000.
Zudem wurden bis Ende 2008 1206 solcher Zentren ins Leben gerufen. Erst vier Jahre zuvor hatte die Bundesregierung mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz die Gründung der Versorgungszentren möglich gemacht. Bis zum Jahr 2015 dürfte die Zahl um weitere zehn Prozent steigen, prognostiziert Analyst Perlitz. Vor allem jüngere Ärzte wollten lieber zusammen als auf eigene Faust arbeiten. Das spüren ältere Mediziner, die ihre Praxis an einen Nachfolger verkaufen wollen. Perlitz: "Der ideelle Preis für die Übernahme einer bestehenden Einzelpraxis sank von 2002 bis 2006 im Schnitt von 89 000 Euro auf 79 000 Euro." ...
Die meisten Initiatoren geschlossener Fonds halten hingegen bislang von Ärztehäusern und Versorgungszentren wenig. Sie setzen stattdessen auf Pflege- und Seniorenheime. Ähnlich eindeutig sind die Präferenzen von Banken, wenn es um die Kreditvergabe geht. Nach einer Umfrage von Terranus und der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) finanzieren derzeit nicht einmal 60 Prozent der auf Gewerbeimmobilien spezialisierten Kreditinstitute Darlehen für Ärztehäuser und MVZ. Hingegen sind 90 Prozent der Banken bereit, Investoren Kredite für den Kauf eines Pflegeheims zu gewähren. ...
Das größte Risiko für Investoren stellten jedoch Klinik-Ketten dar, die in ihren Krankenhäusern eigene Versorgungszentren einrichten, sagt Brinkmann. Bislang werden zwei von drei Versorgungszentren Deutschland von Ärztegemeinschaften betrieben. Inzwischen haben jedoch börsennotierte Krankenhausgesellschaften wie Rhön-Klinikum angekündigt, bei jedem ihrer Krankenhäuser ein Zentrum einrichten zu wollen. "Durch ihre schiere Marktgröße haben Ketten wie Rhön hohe Einkaufsvorteile", sagt Brinkmann. "Deshalb können sie in ihren Versorgungszentren medizinische Leistungen gegenüber den Krankenkassen viel günstiger anbieten als kleine, eigenständige Versorgungszentren, die von Ärzten selbst betriebenen werden."
