Klinikprivatisierungen scheitern an Bürokratie
FAZ - Artikel vom 02.10.2008Rendite von 5 bis 6 Prozent / Nur wenige Käufer am Markt
Trotz wachsender Finanzierungslücke rechnet die Kölner Terranus-Gruppe für 2009 nicht mit einer erneuten Privatisierungswelle bei deutschen Klinik-Immobilien. Das kompliziertes Geschäft würde Investoren bremsen, allem voran die Überregulierung im Markt und unklare Auswirkungen des Gesundheitsfonds.
Rund acht Milliarden Euro Mehrkosten sieht Carsten Körner, Klinikexperte der Terranus-Gruppe, im kommenden Jahr auf deutsche Akutkliniken zukommen: „Circa vier Milliarden resultierten aus aktuellen Tarifabschlüssen. In gleicher Höhe schlagen voraussichtlich die massiv gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten zu Buche“. Demgegenüber stünden lediglich erwartete Mehreinnahmen von 1,3 Milliarden Euro. „Dies bedeutet eine zusätzliche Finanzierungslücke von 6,7 Milliarden Euro, die das Haushaltsdefizit der Akutkrankenhäuser weiter drastisch verschärfen wird“, rechnet Körner vor. Diese wären bereits heute vielfach kaum mehr in der Lage, ihre Häuser wettbewerbsfähig zu halten. Von einem Abbau des Investitionsstaus, den die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bereits auf 50 Milliarden Euro beziffert, kann somit keine Rede mehr sein.
Zwar würden auch die großen privaten Klinikbetreiber wie Sana, Röhn oder Fresenius den Kostenanstieg spüren – sie seien dadurch jedoch nicht existenziell bedroht. „Die Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre zielten primär auf mehr Transparenz, Wettbewerb und Wirtschaftlichkeit ab. Vorteilhaft für private Kliniken – bei denen Wirtschaftlichkeit und Renditen seit Jahren erklärtes Geschäftsziel sind. Öffentliche und gemeinnützige Häuser hingegen verharren oft in einem starren, defizitären Korsett“, urteilt Körner. Das wird in den kommenden Jahren unver-meidlich Insolvenzen nach sich ziehen.
Übernahmen ja – aber selektiv!
Trotz des massiven Wettbewerbsdrucks und dem Auslaufen der DRG-Konvergenzphase Ende 2008 hält er aber die Prognose einer erneuten kurzfristigen Privatisierungswelle für falsch: „Es wird selbstverständlich weiterhin Übernahmen durch private Betreiber geben – allerdings selektiv, wenn die Häuser interessant sind. Eine Welle, wie sie zum Teil bereits im Markt herbei geredet wird, sehen wir bisher nicht.“ In Folge der 2004 durchgeführten Einführung des fallpauschalierten DRG-Finanzierungssystems für Akutkliniken hatten die Privatisierungen im Markt zugenommen. Durch ein erstarktes Wirtschaftswachstum waren in jüngerer Vergangenheit allerdings wieder weniger Betten übernommen worden.
„Marktteilnehmer werden sich auf einen länger andauernden Umstrukturierungsprozess einstellen müssen“, ist Körner überzeugt. Zwar seien mit der Ankündigung steigender Leitzinsen und der höchsten Inflationsrate im Euro-Raum seit 14 Jahren deutliche Zeichen für eine Abkühlung der Konjunktur gesetzt. Wirtschaftlich schlechtere Phasen hatten in der Vergangenheit zumeist zu einer steigenden Anzahl von Privatisierungsmöglichkeiten im Akutsektor geführt. Denn: Die geringeren Steuereinnahmen stünden oft in keinem tragbaren Verhältnis zu den erforderlichen Verlustausgleichen der Kliniken. Doch das ist nur eine Seite der Medaille.
Noch immer gebe es nur eine Hand voll potenter inländischer Akquisiteure. Das Großkapital ausländischer Investoren fehle im hiesigen Markt nach wie vor. Als aktiver internationaler Aufkäufer lässt sich lediglich die schwedische Capio identifizieren. Durch die Übernahme der Deutsche Klinik GmbH 2006 für 34 Millionen Euro und der Vena Gruppe 2007 mit einem Jahresumsatz von 32 Millionen Euro konnte diese ihren Umsatz im Übernahmezeitraum auf über 84 Millionen Euro verdoppeln. Dies wären jedoch noch Einzelfälle.
Eklatanter Hemmschuh für ein auf breiter Front steigendes Interesse in- wie ausländischer Investoren seine mangelnde Transparenz der Strukturen, geringe Handlungsspielräume bei Restrukturierungen, ein teilregulierter Markt und die äußerst komplexen Rahmenbedingungen im deutschen Gesundheitsmarkt. Körner: „Starre öffentliche Tarifgefüge, festgesetzte Arbeitszeiten, Pensionsansprüche aus Altverträgen, Kündigungsschutz für Mitarbeiter – das sind nur einige Kriterien, die bei Übernahmen häufig akzeptiert werden müssen.“ Hinzu kämen komplizierte Gesetze und politische Interessen. „Die Privatisierung eines lokalen Klinikums trifft oft auf Vorbehalte der Bürger, so dass diese standortsichernde Maßnahme in Wahlperioden nur verhalten angegangen wird.“
Mehr Druck – stagnierende Budgets
Dass es im Gesundheitssektor wie in einem Dampfdruckkessel brodelt, sei durch lange Wartezeiten, Doppel-Untersuchungen und dem zunehmenden Trend zur Zwei-Klassen-Medizin selbst für die Patienten offensichtlich. Die demografische Entwicklung und ein steigender Leistungsanspruch an die Kliniken haben die Pro- Kopf-Ausgabe in den vergangen Jahren auf Rekordhöhen getrieben: Wurden 1996 noch 2.280 Euro für die Gesundheit ausgegeben, mussten 10 Jahre später bereits 2.970 Euro aufgewendet werden. Während die Kosten auch für die Kliniken anstiegen, stagnierten deren Budgets und verursachten die dargestellte finanzielle Schieflage.
Schnelle pragmatische Lösungen für dieses Dilemma würden herbeigesehnt. Doch: Die existenziell betroffenen Häuser würden sich von einem Jahr auf das nächste retten und hofften auf Hilfe von außen. Die Politik bringe zumeist noch mehr Unsicherheit und Vorbehalte in den ohnehin überregulierten Markt. „Ein gutes Beispiel ist der Gesundheitsfonds, dessen Auswirkungen gegenwärtig niemand genau einschätzen kann“, sagt Körner. „Das begünstigt bei Investoren eher eine abwartende Haltung – zumal die Renditeaussichten derzeit noch nicht extrem attraktiv sind. Fünf bis sechs Prozent nach Steuern ist ein gutes Ergebnis bei professionell aufgestellten Häusern.“
Zusätzlich blockiere die restriktivere Kreditvergabe nach der Suprime-Krise ein schnelles Anziehen der Transaktionen. Auch die Kartellbehörden verhinderten in jüngerer Zeit Aufkäufe, um ein unkontrolliertes Wachstum von Privatklinikketten zu bremsen. Aufzuhalten ist die Entwicklung dennoch nicht. Einhellige Meinung im Markt, dass in den kommenden Jahren der Anteil privater Krankenhäuser von derzeit 27 auf rund 35 bis 40 Prozent steigen werde. Fraglich ist nur, wie schnell dies geschehe.
