Deutschland hat schon zu viele Seniorenheime. Wohnungsgesellschaften bieten älteren Mietern immer mehr Service - Nachfrage nach Plätzen sinkt
Die Welt - Artikel vom 26.02.2008
Der Bedarf an Pflegeheimen könnte in den nächsten Jahren drastisch sinken. Denn immer mehr Wohnungsunternehmen gehen dazu über, ältere, hilfsbedürftige Mieter viel Unterstützung zu gewähren. Vorreiter ist dabei die Deutsche Annington, Tochter des britischen Finanzinvestors Terra Firma.
Die Gesellschaft ist mit ihren 220 000 Wohnungen einer der größten Anbieter am deutschen Markt. Sie bietet nicht nur kostenlose Umbaumaßnahmen, um die Wohnungen an den Bedarf pflegebedürftiger Mieter anzupassen. "Wir helfen auch bei der Beantragung von Leistungen aus der Pflegekasse und vermitteln Kontakte zu Ärzten und Hilfsdiensten wie 'Essen auf Rädern'", sagt Annington-Sprecher Dirk Schmitt. Gewährt werde der Service nicht nur Senioren. Auch jüngere Menschen, die nach einem Unfall oder wegen Krankheit auf Hilfe angewiesen sind, können die Hilfsangebote nutzen. "Wir wollen unsere Mieter solange wie möglich in die Lage versetzen, in ihrer Wohnung zu bleiben", erläutert Schmitt den Zweck des kostenlosen Service-Angebots.
Auch andere bieten immer Service-Leistungen für Senioren. "Jedes Unternehmen ist darauf bedacht, seine Mieter so lange wie möglich an sich zu binden", heißt es beim GdW Bundesverband der Deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen.
Mit diesen Dienstleistungsangeboten stellen die Wohnungsunternehmen die Renditerechnung vieler Fondsinitiatoren in Frage. Sie argumentieren bislang mit dem demographischen Wandel: Weil die Zahl der Senioren steige, werde automatisch auch der Bedarf an Pflegeheimplätzen wachsen. Für Privatanleger aufgelegte geschlossene Pflegeheimfonds haben 2006/07 rund 19 Mio. Euro eingesammelt. Erheblich höhere Beträge haben institutionelle Investoren wie Pensionskassen und Versicherungen sowie ausländische Private Equity Funds in Pflegeheime investiert.
"Durch die hohe Nachfrage stiegen die Preise deutlich", weiß Carsten Brinkmann, Geschäftsführer der auf Sozialimmobilien spezialisierten Kölner Terranus-Gruppe. Wurden Pflegeheime Anfang 2006 zum 12,5-Fachen des Jahresmietertrags gehandelt, zahlten Käufer im Herbst 2007 bis zum 15-Fachen. Doch ob all diese Investments aufgehen werden, ist ungewiss. "Aus der allgemeinen Altersentwicklung kann nicht zwingend auf einen hohen Bedarf an Heimen geschlossen werden", sagt Brinkmann.
Nach einer Untersuchung der Terranus-Gruppe existieren in Deutschland bereits heute mehr Pflegeplätze, als benötigt werden. "Vor allem in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein gibt es eine deutliche Überversorgung", sagt Brinkmann. Nur 4,4 Prozent der über 65-Jährigen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf stationäre Pflege angewiesen. "Hingegen gibt es in Schleswig-Holstein heute Pflegebetten für 6,7 Prozent aller Senioren." Selbst wenn in den nächsten zwölf Jahren nicht ein einziges neues Pflegeheim hinzukäme, würde sich der Versorgungsgrad trotz der weiter steigenden Zahl der älteren Menschen bis 2020 nur auf 5,8 Prozent relativieren. Brinkmann: "Es bestünde weiterhin ein spürbares Überangebot."
Hingegen könnte sich in Berlin die Lage in den kommenden zwölf Jahren - theoretisch - entspannen. Aktuell beträgt der Versorgungsgrad an Pflegebetten in der Bundeshauptstadt 5,3 Prozent. Steigt die Zahl der Senioren - auch durch Zuzüge aus dem Umland - bis zum Jahr 2020 weiter an, würden nur noch für 4,2 Prozent aller über 65-Jährigen Pflegebetten zur Verfügung stehen. Die Frage ist allerdings, wie das Zahlenspiel aussieht, wenn Berliner Wohnungsgesellschaften verstärkt Service für pflegebedürftige Mieter anbieten.
Hinzu kommt: "Die Menschen werden nicht nur älter, sie bleiben auch immer länger gesund", sagt Tobias Just, Analyst bei Deutsche Bank Research. Dies spüren auch die Betreiber von Seniorenheimen. "Das durchschnittliche Einzugsalter in unseren Wohnstiften liegt bereits bei 81 Jahren", sagt Helmut Braun, Vorstandschef des Kuratoriums Wohnen im Alter, des bundesweit zweitgrößten Trägers von Altenwohnstiften. Von einer steigenden Nachfrage nach Pflegeplätzen sei am Markt denn auch nichts zu spüren. Braun: "Pflegeimmobilien werden auch künftig ein Nischenprodukt bleiben."
