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Der heiße Markt der Pflegeheime

Der Kampf um die Vorherrschaft der Betreiber hat auch in Deutschland begonnen.

 

In weniger als drei Jahren ist es dem Betreiber von Gesundheitsleistungen Advent International gelungen, durch den Kauf von Casa Reha und Sozialkonzept zum Betreiber mit mehr als 7000 Betten aufzusteigen. Dieses Unternehmen ist im vergangenen Jahr für 300 Millionen Euro an HG Capital veräußert worden – ein bisher nie gekanntes Volumen im Marktsegment Pflegeheime.

 

Auch wenn der Kaufpreis aufgrund individueller Vertragskonditionen wenig aussagekräftig ist, ist die Transaktion beachtlich. Besonders wenn man die Summe in Relation zum Umsatz des erworbenen Unternehmens setzt: So wurden für 1,00 Euro Umsatz 1,80 Kaufpreis aufgerufen. Das sind Größenordnungen, die in der Vergangenheit nur bei Internetunternehmen oder in der Chemiebranche zu finden waren. Das Beispiel zeigt, die Beteiligung von Finanzinvestoren hat die Konzentration in dem atomisierten Pflegemarkt beschleunigt.

 

So wurden 2007 und 2008 gleich mehrere größere Betreibergesellschaften von Investoren übernommen: Star Capital erwarb die Mehrheit an Alloheim mit 14 Einrichtungen. Die französische Korian übernahm Phönix mit 25 Häusern. Die Deutsche Real Invest AG erwarb den Betreiber H&R mit 18 Häusern, und Auctus in München vereinnahmte Procon aus Wiesbaden mit acht Einrichtungen.

 

Außerdem gab es auch eine Konsolidierung unter den Betreibern: 2007 kaufte Cura die in Notlage geratenen Maternus-Kliniken AG. Curanum erwarb die Betreibergesellschaft Elisa, Fazit und Dr. Lohbeck. Und Pflegen&Wohnen ging mit 2500 Betten im Rahmen einer Privatisierung an die mehrheitlich im Familienbesitz befindliche Vitanas. Die Kaufmotive sind unterschiedlich: Der eine nutzt den anderen als Plattform für weitere Akquisitionen. Der Nächste sucht Skaleneffekte oder nutzt Marktchancen wie Cura bei Maternus, deren Gesellschafter WCM in die Insolvenz geraten war; oder er verbreitert die Wertschöpfungskette vertikal wie seinerzeit Zehnacker mit Vitanas.

 

Auch wenn sich die Konzentrationsgeschwindigkeit scheinbar erhöht hat, ist der Markt zersplittert: Bei 10400 Pflegeheimen besitzen die zwanzig größeren in Deutschland ansässigen Betreiber weder 10 Prozent der Häuser noch 10 Prozent der Bettenkapazitäten. Seit Einführung der Pflegeversicherung ist der Anteil der öffentlich-rechtlichen Betreiber stark gefallen. Der Anteil der privaten ist bis heute mit 38 Prozent der Bettenkapazitäten überproportional gestiegen.

 

Es wird jedoch weitere 10 bis 15 Jahre dauern, bis ähnliche Konstellationen wie in Großbritannien entstehen. Dort betreibt eine größere Anzahl von Betreibern gleich mehrere hundert Einrichtungen mit mehreren 10000 Betten. Dieser Konzentrationsprozess war nach existentiell schwierigen Zeiten Anfang der neunziger Jahre in Fahrt gekommen. Ursache sind die stark gestiegenen Immobilienpreise. Anders als in Deutschlandbesitzen auf der Britischen Insel die meisten Betreiber die von ihnen geführten Einrichtungen. Die Preise für diese Immobilien hatten sich in wenigen Jahren fast verdoppelt. Dies führte zu spekulativem Verhalten institutioneller Anleger. Aus dem Käufer- wurde ein Verkäufermarkt.

 

Hierzulande verlief die Entwicklung in den vergangenen drei Jahren ähnlich. In der Folge wurden hohe Kaufpreise im Hinblick auf Ertragsrelation (Ebitda-Faktor) gezahlt. Dadurch schlummern in einigen Bilanzen hohe Risiken: Würden Gesellschaften nicht nach HGB, sondern nach IFRS bilanzieren, müssten sie den Impairment-Test durchführen. Dieser bedingt die kritische Überprüfung von bilanzierten Firmenwerten (Goodwill). In Einzelfällen könnte dies die Geschäftszahlen 2008/2009 durch Wertabschreibungen stark belasten.

 

Das betrifft auch die Bewertungsansätze von Beteiligungsgesellschaften. Nach FAS 157 und IAS 139 (International Accounting Standards) können Firmenwerte nur mit aktuell erzielbaren Kaufpreisen bilanziert werden, also mit ihrem Zeitwert (fair value). Demnach wären sie nicht über 15 Jahren in Raten abzuschreiben. Außerdem können Finanzierungsverpflichtungen aus den Zeiten des Höhenflugs, die an Bedingungen wie Kapitaldienstfähigkeit, Verschuldungsgrad geknüpft sind, die Situation verschärfen.

 

Ob und wie viel Schwung in die Neuordnung des deutschen Pflegemarktes kommen wird, hängt von mehreren Kriterien ab: Welche gesetzliche Änderungen und Anforderungen setzen Betreiber unter Handlungszwang? Welche Investoren werden auch künftig im Markt tätig sein?

 

Im vergangenen Jahr sind vier Transaktionen zwischen 50 und 150 Millionen Euro abgebrochen worden: Die gebotenen Kaufpreise lagen wegen der Betreiber- und Immobilienqualität zum Teil zwei Jahresmieten (15 Prozent) unter den Einstandspreisen von 2007/08. Trotzdem schreitet die Marktkonzentration voran und ruft vor allem größere Gesellschaften auf den Plan. Auch wenn sie unterschiedlich zu Werke gehen, sind sie sich doch in einem einig: Sie wollen jeweils einen mächtigen Anbieter schaffen, Nur so sehen sie eine Chance, der wachsenden Konkurrenz und den immer noch auf Expansion eingestellten ausländischen Gesellschaften im attraktiven deutschen Markt die Stirn zu bieten. Im Kampf um die Vorherrschaft ist davon auszugehen, dass die sechs führenden privaten Betreibergesellschaften (Pro Seniore, Kursana, Curanum, Marseille, Vitanas und Casa Reha) eine wichtige Rolle spielen werden. Aber auch die großen freigemeinnützigen Träger wie Caritas, Diakonie, DRK sind nicht zu unterschätzen.


Artikel vom 13.02.2009

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